Mitteldeutsche Kirchen-Umschau

Sakralbauwerke gehören zu fast jedem Ort - als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke.

Sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Doch die Zukunft vieler Kirchen ist bedroht: Dutzende haben ihre Funktion verloren, einige sind spurlos aus dem Ortsbild verschwunden. Zeit zur Erinnerung an einige dieser verlorenen oder aber umgenutzten Kirchen.

Eine Serie von Holger Zürch.

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Verlorene Kirche in Magdeburg: Heilige-Geist-Kirche

Heilige-Geist-Kirche

Es war in Magdeburg im Jahr 1214, als der Grundstein für den Bau der Heilige-Geist-Kapelle des zeitgleich gegründeten Hospitals gelegt wurde. Im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte gab es mehrere bauliche Erweiterungen, 1490 wurde erstmals die Heilige-Geist-Kirche erwähnt.

1524 führte Franziskanermönch Johannes Fritzhans die Reformation ein – das Gotteshaus war nun evangelische Pfarrkirche. 1631 beim Tilly-Angriff auf Magdeburg wurde die Kirche ein Opfer der Flammen, ihr Wiederaufbau dauerte bis 1693. Im 17. Jahrhundert war ein gewisser Heinrich Telemann deren Diakonus – er ließ 1681 dort seinen Sohn Georg Philipp Telemann taufen.

Das als „äußerlich schmuckloseste aller Magdeburger Gotteshäuser“ geltende Bauwerk hatte an der Westseite einen niedrigen Kirchturm mit schlankem, zwiebelspitzförmigem Turmhelm als barocke Haube. Das Innere der Kirche wirkte überraschend weitläufig. Im Mittelschiff trug sie ein gotisches, mit Sternenmuster geschmücktes Gewölbe.

Mehrfach bot die Heilige-Geist-Kirche anderen Kirchgemeinden Asyl für Kirchgemeinden, die ihre Kirchen verloren hatten: 1806 und 1813 für Dom und St. Ulrich und 1951 für alle Innenstadtgemeinden.

Im Zweiten Weltkrieg 1945 brannte die Kirche nach Bombenangriffen aus. 1948 begann ihr Wiederaufbau als Notkirche für fünf der sechs innerstädtischen Kirchgemeinden in Magdeburg. Dieser war – trotz ausländischer Unterstützung – mühselig und musste mehrfach unterbrochen werden. Doch seit Pfingsten 1951 gab es dort wieder Gottesdienste.

Jedoch stand das Gotteshaus den Planern des sozialistischen Stadt-Aufbaus im Wege – und zwar im wörtlichen Sinn. Magdeburgs SED-geführte Stadtspitze bewies ihre Kompromisslosigkeit und statuierte ein Exempel: Diese nach dem Krieg wiederaufgebaute Kirche wurde Ende Mai 1959 staatlicherseits gesprengt. Noch 1957 hatte die Firma Orgelbau A. Schuster & Sohn aus Zittau eine zweimanualige Orgel mit 27 Registern und elektropneumatischer Traktur in die Heilige-Geist-Kirche eingebaut. Diese Orgel wurde nach der Sprengung der Kirche im Dom aufgestellt, sie zog 1975 erneut um und fand in der Kirche St. Nicolai in der Neuen Neustadt ihr neues Zuhause – in reduzierter Form und ohne Orgel-Prospekt.

Heute gehört die Heilige-Geist-Gemeinde zur Kirchengemeinde Magdeburg-Altstadt und ist in der Wallonerkirche zuhause. Am einstigen Standort der Heilige-Geist-Kirche, der heutigen Straße namens Goldschmiedebrücke auf Höhe der Regierungsstraße, erinnert ein kleines Bronze-Modell an das historische Gotteshaus.

Koordinaten: 52° 7′ 45,8″ N, 11° 38′ 15,4″ O

Bildquelle: Otto Peters, Magdeburg und seine Baudenkmäler, Verlagsbuchhandlung Fabersche Buchdruckerei Magdeburg 1902

Quellen und Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige-Geist-Kirche_(Magdeburg)

https://kirchensprengung.de/kirchensprengung-magdeburg

https://www.kompakt.media/telemanns-taufkirche/

Verlorene Kirche in Halberstadt: Paulskirche (St. Peter und Paul)

Paulskirche

Die evangelische Kirche St. Peter und Paul in Halberstadt, auch Paulskirche genannt, stand am Ostrand der historischen Altstadt nördlich des Breiten Wegs. Um etwa 1085 gründete Bischof Burchard II. in Halberstadt das Kollegiatstift St. Peter und Paul. 1122 wurde es renoviert, ab 1246 wurden die Seitenschiffe verbreitert. Im 13. Jahrhundert entstand der obere Teil der Kirchtürme, die bis zur Zerstörung im 20. Jahrhundert erhalten blieben. Ab 1363 erhielt der Sakralbau einen neuen Chor, der höher als das Kirchenschiff war; er gab der Kirche das Gepräge einer Sattelkirche. Im 14. Jahrhundert wurde die Peterskapelle angebaut.

Um 1540 setzte sich in Halberstadt Luthers Reformation durch. Ungewöhnlich war, dass das St.-Pauli-Stift als geistliche Körperschaft bestehen blieb. Streitigkeiten zwischen den Stiftsherren und der Paulskirchen-Gemeinde wurden 1589 mittels Vertrag ausgeräumt: Dem Stift wurde die exklusive Nutzung des Chors zugesprochen – und der Kirchgemeinde das Kirchenschiff. Sie wurde eine sogenannte Simultankirche, also ein Gotteshaus für sowohl katholische als auch evangelische Gottesdienste.

Die Zeiten des Kollegiatstifts und der Pfarrei endeten 1812 – beide mussten aufgrund einer Behörden-Entscheidung des Königreichs Westphalen geschlossen werden. Das Kirchengebäude wurde erst Lazarett, später Vorrats-Magazin für Proviant. Diese profane Nutzung endete knapp hundert Jahre später: Von 1906 bis 1908 erfolgte ihre Renovierung: Sie wurde fortan als Garnisonkirche genutzt, also als Kirche für Soldaten und Offiziere am Militärstandort Halberstadt.

Die Kirche wurde als dreischiffige Pfeilerbasilika mit zwei Kirchtürmen an ihrer Westseite errichtet. Ihr Querschiff hatte ein Kreuzgratgewölbe mit ausgeschiedener Vierung, auch das Chorquadrat hatte ein Kreuzgratgewölbe. Der Chor an der Ostseite hatte einen Fünf-Achtel-Schluss und war auf zwei Jochen mit einem Kreuzrippengewölbe versehen. In der Ecke zwischen dem südlichen Arm des Querschiffs und dem Chor befand sich ein ebenfalls mit einem Kreuzgewölbe überspannter Raum.

In der Nordseite des Querschiffs befand sich ein schlichtes Portal, das ursprünglich als Zugang zum Kreuzgang diente. Ein weiteres Portal war auf der Nordseite am Seitenschiff nahe dem Turm angeordnet. Das Hauptportal befand sich ursprünglich an der Westseite. Bemerkenswert daran war ein doppelt gewölbter Bogen. Am westlichen Ende des südlichen Seitenschiffs, nahe am Turm, befand sich die Peterskapelle, ebenfalls mit Kreuzgewölbe ausgestattet. Die Kirche brannte am 8. April 1945 bei der Bombardierung von Halberstadt im Zweiten Weltkrieg bis auf die Umfassungsmauern aus.

Vor knapp 53 Jahren, am 5. Februar 1969, wurde die Doppelturmanlage der Kirche des 1085 gegründeten Halberstädter Kollegiatstiftes St. Peter und Paul gesprengt. Dies war Schlusspunkt der Zerstörung dieser bedeutenden mittelalterlichen Kirche, die vom Bombenangriff am 8. April 1945 bis zum schrittweisen Abriss 1968 reichte. Grundlage dieses Abrisses war der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Halberstadt vom 14. November 1968, der ohne Gegenstimme angenommen worden war.

Vorausgegangen war eine zur DDR-Zeit illegale Unterschriftensammlung, initiiert von Halberstadts Bürgern Armin Dieckmann, Werner Hartmann und Walter Gemm, mit der sich etwa 600 Bürger für den Erhalt der Kirche ausgesprochen hatten. Auch drei Architekten des VEB Hochbauprojektierung, Georg Timme, Rudolf Steinhagen und Ulrich Mund, protestierten mit einer fünf Seiten langen Eingabe an die Stadtverordnetenversammlung gegen den Abriss und unterbreiteten Vorschläge für Erhalt und Nutzung – vergebens. Heute erinnert nur der Straßenname Paulsplan an die Kirche.

Zwischen 1975 und 1980 bekam Halberstadt ein weiteres DDR-Plattenbau-Wohngebiet mit 465 Wohnungen, gelegen am Clara-Zetkin-Ring mit Hugenotten-, Korn-, Kämmeken-, Lichtwerstraße und Paulsplan. Auf dem Grundstück der gesprengten Paulskirche entstand zu dieser Zeit eine Schule. Seit 2001 trägt die Schule am Paulsplan trägt den Namen von Walter Gemm: Der Kunstmaler aus Halberstadt gehörte 1969 zu den Organisatoren der Unterschriften-Sammlung gegen den Abriss der Paulskirche.

Koordinaten: 51° 53' 49,1 N / 11° 3' 21,3 O

Bildquelle: Rud. Lohse Postkartenverlag, Halberstadt, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53747089

Quellen und Links

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Peter_und_Paul_(Halberstadt)?fbclid=IwAR16DqcJwrkyB0vrqfZpigYDIDUuXrmV_ZJv-Dzb_nenvAtm9meVnkq-lJc

https://kirchensprengung.de/kirchensprengung-andere

https://www.meine-kirchenzeitung.de/c-kirche-vor-ort/vor-50-jahren-gesprengt_a9103?fbclid=IwAR2q4cCe9MrV3OeUywLiDhIk6L7bmXr0gXnwaqqZuyPm8oe7PUvwxJ8CYsw

Verlorene Kirche in Sachsen-Anhalt: Nikolaikirche Zeitz

Bildquelle: Jwaller https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaikirche_(Zeitz)

Zeitz, eine Kleinstadt mit rund 27.000 Einwohnern im Süden Sachsen-Anhalts, nicht allzu fern von Leipzig. Eine Stadt mit durchaus gewichtiger Geschichte: Von 968 bis 1029 war sie Bischofssitz des Bistums Naumburg-Zeitz, von 1652 bis 1718 Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Zeitz. Viele Bauwerke dort sind somit vor vielen Jahrhunderten entstanden.

Dagegen ist die Nikolaikirche in Zeitz recht jung: Seit ihrem Entstehungsjahr sind gerade einmal 130 Jahre vergangen, eine kirchengeschichtlich kurze Zeitspanne. Dennoch ist das Gotteshaus heute eine Ruine.

Ihre Vorgängerkirche wurde 1823 nach einem Brand abgerissen. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis die Zeit reif war für einen Kirchen-Neubau auf dem Nikolaiplatz. Der wurde 1891 geweiht – und hieß ursprünglich Trinitatiskirche. Geplant hatte den Klinkerbau mit schlankem Kirchturm der Architekt Karl Memminger, er schuf eine beeindruckende Saalkirche im Stil von Historismus und Neogotik.

Über die Jahrzehnte des Lebens an und um diese Kirche ist nichts Herausragendes überliefert. Sie diente Generationen sonntags zum Gottesdienst sowie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten als Stätte festlicher Begegnung. Sie war vertrauter, heimatlicher Ort für Taufe und Konfirmation, für Trauung und Heimgang Hunderter Bürger von Zeitz. Sie war deren Ort für gemeinsame Hoffnung, Zuversicht, Freude und Leid. Bemerkenswert: Die Kirche hatte zwei historische Glocken, die aus dem Zeitzer Dom stammten.

Gegossen im 15. Jahrhundert, gelangte das Geläut mit den Tönen e’ und a’ dort bei Umbauarbeiten am Dom im 17. Jahrhundert in das damals errichtete Torhaus. Von da kamen sie 1891 in das neu gebaute Gotteshaus in Zeitz: Dessen Kirchgemeinde hatte ihre Gottesdienste lange Jahre im Dom gefeiert, da ihre eigene Kirche – die alte Nikolaikirche – 1823 ja ein Raub der Flammen geworden war.

Als etwa um 1980 die Nikolai-Kirchgemeinde aufgelöst wurde, gelangte das einstige Domgeläut in die Laurentiuskirche in Halle (Saale). Als klar war, dass es in der Nikolaikirche Zeitz nicht mehr genutzt werden würde, wurde es dorthin zum Materialpreis verkauft. 110 Jahre später – am 24. Juni 2001 – kehrten die beiden kunsthistorisch bedeutsamen Glocken zurück in ihre alte Heimat, sie erklingen seitdem wieder im Torhaus des Zeitzer Doms.

Doch weshalb wurde die Nikolaikirche Zeitz aufgegeben? Informationen dazu sind spärlich. Es heißt, es habe statische Probleme gegeben wegen des sandigen Untergrunds. Die Kirche habe „aufgrund der Baufälligkeit“ seit Beginn der 1970er Jahre nicht mehr genutzt werden können. Sie wurde von der Kirchgemeinde aufgegeben. Wann der letzte Gottesdienst stattfand und ob es eine Entwidmung gab, war bislang nicht herauszufinden. 1998 schlug ein Blitz in den Kirchturm und löste einen Dachbrand aus. Daraufhin stürzte ein Teil des Kreuzrippengewölbes ab – und ebenso eine verbliebene Glocke.

Von dem stolzen Kirchenbau haben – vom Zahn der Zeit gezeichnet – der Kirchturm-Rest und die ebenso solide gemauerten Wände überdauert. Im Internet zeigt sich, dass das aufgegebene Gotteshaus nach wie vor begehrt ist – als morbid anmutendes Motiv für Fotos und Videos verschiedenster Art. Derzeit deutet nichts darauf hin, wie es mit der Nikolaikirche Zeitz weitergehen soll. Es gibt es keine Anzeichen, dass die Kirche saniert, erhalten oder auf irgendeine Weise wieder genutzt werden könnte.

Koordinaten: 51° 3′ 9,9″ N, 12° 7′ 47,1″ O

Quellen und Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaikirche_(Zeitz)

http://www.saiten-blicke.de/nikolaikirche-zeitz/

http://www.saiten-blicke.de/nikolaikirche-zeitz/?fbclid=IwAR3V-dtzAWiMy4pDvkotN8Hu0pY8817hNS49zDK5rGI29rDHyJvedP7T5Vo

https://www.youtube.com/watch?v=MBwSrgxvLl0

https://www.youtube.com/watch?v=9llwt7-C9so

Verlorene Kirche in der sächsischen Oberlausitz: Stadtkirche Muskau

Quelle: Ekkehard Brucksch

Immer wieder wundern sich Touristen, wenn sie sich in Bad Muskau auf dem Kirchplatz umsehen: „Wo ist denn hier die Kirche?“ Ein Kirchplatz ohne Kirche – was anderswo für Kopfschütteln sorgen würde, ist in Bad Muskau Wirklichkeit. Ernüchternde Wirklichkeit seit mehr als 60 Jahren. Grundsteinlegung für die evangelische Kirche im spätgotischen Stil war 1605, Kirchweihe am 19. Mai 1622. 1643 von schwedischen Soldaten in Brand gesetzt, wurde sie bis 1646 wieder aufgebaut, fiel 1766 erneut in Schutt und Asche.

Bis 1782 erstand sie leicht verändert: Das zuvor schlanke Turmoberteil mit doppelter Laterne wurde damals vereinfacht wiederaufgebaut, der Kirchturm bekam ein flaches Zeltdach.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs brannte das Gotteshaus im April 1945 aus. Erhalten blieben die starken Umfassungsmauern, Sakristei, Patronats-Loge, das Gewölbe des Mittelschiffes und der Chor. Die Frage war: Wie sollte es weitergehen?

Bis Mai 1948 gab es zwischen der Kirchenleitung und Sachsens Amt für Denkmalpflege Gespräche über den Wiederaufbau der Stadtkirche, doch diese blieben ergebnislos. Im Januar 1952 wurde die Stadtkirche enttrümmert sowie loses Gesteinsmaterial beseitigt. Noch immer war offen, wie es weitergehen würde. Dann kam der 28. Juli 1958, dieser Montag wurde für die evangelische Kirchgemeinde in Muskau (die Zusatzbezeichnung „Bad“ kam erst 1961 zum Ortsnamen hinzu) zum schicksalhaften Tag: Der Gemeindekirchenrat kam zu der gleichermaßen sachlich wie resignierenden Feststellung, dass weder die Kosten für den Wiederaufbau noch die Kosten für den Abriss der beschädigten Kirche aufgebracht werden könnten.

Nur Monate später schuf der Rat des Kreises Fakten: Er, der weder Grundstücks- noch Gebäude-Eigentümer war, ordnete insgeheim den Kirchen-Abbruch an – eigenmächtig und als Affront zum Ministerium für Kultur, das den Abriss abgelehnt hatte. Doch das erfuhr die Kirchgemeinde erst im Februar 1959 und auch nur mündlich.

Noch später wurde bekannt: Der Rat des Kreises hatte für seine Entscheidung grünes Licht vom Rat des Bezirkes Dresden und auch vom Zentralkomitee der SED in Berlin bekommen – was für die ortsansässigen Genossen eine Rücksprache mit dem fachlich zuständigen Institut für Denkmalpflege Dresden somit entbehrlich machte.

Staatlicherseits wurde ab 16. März 1959 die Sprengung vorbereitet, in einem Kirchendokument heißt es dazu ohnmächtig: „Da der Abriss bereits im vollen Gange ist, muss bedauerlicherweise die Kirchgemeinde der staatlichen Macht weichen.“ Am 25. März 1959 nahmen Muskaus Christen mit dem letzten Gottesdienst Abschied von ihrer Stadtkirche.

Es brauchte drei Wochen, um das offenbar sehr robuste Bauwerk dem Erdboden gleichzumachen: An vier Tagen zwischen dem 3. und dem 24. April 1959 donnerte das Grollen der Sprengladungen durch den Ort. Die Räum-Arbeiten und Abtransport der Kirchentrümmer dauerten bis Januar 1960. Fast 337 Jahre diente die Stadtkirche vielen Generationen regelmäßig zum Gottesdienst sowie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten als Stätte festlicher Begegnung. Sie war vertrauter, heimatlicher Ort für Taufe und Konfirmation, für Trauung und Heimgang Hunderter Bürger in und um Muskau. Sie war Stätte für gemeinsame Hoffnung, Zuversicht, Freude und Leid.

Im Jahr 1973 entschloss sich die Kirchengemeinde Bad Muskau und verkaufte das Grundstück auf dem Kirchplatz, wo das Gotteshaus gestanden hatte. Der historische Kirchengrund wurde „Eigentum des Volkes“ – so die damalige offizielle Bezeichnung zur DDR-Zeit – und der Rat der Stadt Bad Muskau der Rechtsträger.

Seit einigen Jahren ist der Kirchplatz in Bad Muskau nun auch offiziell ein Platz des Erinnerns und der Mahnung. Dort, wo einst die stolze Kirche stand, steht ihre Miniatur-Ausgabe, ergänzt von erklärenden Text-Tafeln. Ein Holzkreuz gedenkt der auch als „Deutsche Kirche“ bekannten Stadtkirche. Muskau hat 1959 mit der Sprengung seiner Stadtkirche mehr als nur ein herausragendes Bauwerk am Kirchplatz verloren.

Quellen und Links:

https://kirchensprengung.de/kirchensprengung-erinnerung

https://www.saechsische.de/plus/kirchplatz-ohne-kirche-aber-bald-mit-kreuz-3012277.html

https://www.lr-online.de/lausitz/weisswasser/kirchen-engel-gegen-speck-und-eier-getauscht-36121226.html

Umgenutzte Kirche in Halle (Saale): St.-Ulrich-Kirche

Quelle: OmiTs / https://de.wikipedia.org/wiki/Konzerthalle_St.-Ulrich-Kirche#/media/Datei:St_Ulrich-Kirche_Leipziger_Stra%C3%9Fe.jpg

Die St.-Ulrich-Kirche – direkt an Halles Fußgängerzone Boulevard und fast gleich neben dem Marktplatz gelegen – wurde ab Mitte des 14. Jahrhunderts zunächst als Klosterkirche St. Maria errichtet. Sie gehörte zum seit 1339 ortsansässigen Serviten-Orden, der mit dem asymmetrischen Bauwerk ein Unikat unter den Hallenkirchen der Spätgotik schuf.

Erste Weihe war im Jahr 1496. Bis zur Fertigstellung vergingen Jahrzehnte: 1510 wurde das Gewölbe eingezogen, 1531 das Bauwerk vollendet. Jedoch war 1527 das Kloster des Ordens aufgehoben worden. So nutzte ab 1531 die evangelische Ulrich-Kirchgemeinde den Sakralbau – für 440 Jahre. Zwischen 1806 und 1836 diente die Ulrichskirche zusätzlich als Universitätskirche.

St. Ulrich ist eine zweischiffige Hallenkirche mit großen Fenstern, ohne Kirchturm und ohne Querschiff. Sie hat zwei Dachreiter, der Chorraum ist fünfseitig, die Pfeiler achteckig. An ihrer Nordseite finden sich Überreste der ehemaligen Klosterklausur.

Baugestalt und -ausführung sind schlicht und weitgehend schmucklos erschaffen worden – ganz im Sinne und offensichtlich nach Vorgabe des ursprünglichen Bauherrn, des Bettelordens. Ausnahmen davon sind das Sterngewölbe und das Netzgewölbe mit Blumen-Ornamenten aus spätgotischer Zeit und die Emporen der Barockzeit. Die erste Orgel der Ulrichskirche entstand im Jahr 1675. Erbaut hatte sie Christian Förner, vollendet hatte sie Ludwig Compenius. Ihr Orgelwerk hatte 35 Register auf zwei Manualen; von der Förner-Orgel blieb der barocke Orgelprospekt auf der Westempore erhalten.

1971 endete die Nutzung als Gotteshaus. Die Stadtverwaltung Halle entdeckte ihr Interesse für die Umnutzung des Sakralbauwerks, handelte mit der Kirchgemeinde einen langjährigen Nutzungs-Vertrag aus und baute es zur Konzerthalle mit 500 Sitzplätzen um. Die damalige Umgestaltung war weitreichend, die Ausstattung wurde massiv verändert. So wurden der Flügelaltar von 1488, das Taufbecken und die Kanzel entfernt – sie fanden in Magdeburgs Wallonerkirche ihr neues Zuhause. Auch wurden die barocken Emporen im Seitenschiff beseitigt.

Die damals Verantwortlichen in Halles Rathaus wollten – anders als vielerorts sonst in der DDR – tatsächlich im Kirchenbauwerk die jahrhundertealte Traditionen der Orgel- und Vokalmusik auf hohem Niveau fortführen. Das zeigt sich an der Tatsache, dass die Stadt Halle 1980 als nunmehrige Nutzerin eine neue Orgel einbauen ließ, deren umfangreiches klangliches Spektrum hochwertige Orgelkonzerte mit Musikwerken aller Epochen ermöglicht. Die heutige Konzertorgel in der Apsis schuf die Firma W. Sauer Orgelbau aus Frankfurt an der Oder. Das Instrument hat 56 Register mit einer Transmission auf drei Manualen und Pedal.

Nach viermonatiger Instandsetzung von Schuke-Orgelbau wurde die Orgel am 31. Oktober 2019 wieder in Dienst genommen: Sie bekam eine neue Setzeranlage, passend für deren Nutzung für Studierende, nutzt sie doch die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle regelmäßig für Übungs- und Prüfungskonzerte. Ihr Pfeifenwerk wurde grundlegend instandgesetzt, teilweise umgebaut sowie die Orgel vollständig nachintoniert, um den Klangcharakter den heutigen Wünschen der Organisten anzupassen, ohne ihre klangliche Grundkonzeption zu verändern.

Die Konzerthalle Ulrichskirche gilt als bedeutende Aufführungsstätte für Vokalmusik, sie dient besonders Chören als Konzert-Ort. Auch ist sie eine beliebte Adresse für die Darbietung von Jazz, Gospel und Folklore, pro Jahr erklingen dort rund 150 öffentliche Konzerte aller Art. Höhepunkte sind dabei die Händel-Festspiele, die Hallischen Musiktage und das Kinderchormusikfest.

Koordinaten: 51° 28′ 52,4′′ N, 11° 58′ 22,1′′ O

Quellen und Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Konzerthalle_St.-Ulrich-Kirche

https://www.schuke.de/?p=4196

https://www.architektur-blicklicht.de/.../halle-saale.../

Verlorene Kirche in Nordhausen: St.-Jacobi-Kirche

Die ehemalige St.-Jacobi-Kirche (3)

Kirchenbauwerke gehören in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung.

Doch die Zukunft vieler Kirchen ist bedroht: Dutzende von ihnen haben ihre Funktion verloren, einige sind bereits spurlos aus dem Ortsbild verschwunden. Zeit zur Erinnerung an verschwundene Kirchen – und was mit ihnen unwiderruflich verloren gegangen ist.

Die evangelische St.-Jacobi-Kirche, auch Jakobikirche und Neustädter Kirche genannt, war ein Kirchengebäude in Nordhausen in Thüringen. Dort gab es seit dem 13. Jahrhundert die Pfarrkirche St. Jacobi: 1310 ist ihr Kirchturm erstmals urkundlich erwähnt, und 1365 wird die Kirche bei der Vereinigung der Oberstadt mit der Unterstadt genannt.

1744 wurde die baufällige Kirche abgerissen, der Kirchturm mit seiner soliden Bausubstanz blieb stehen und wurde in den Neubau einbezogen, für den auch Steine aus der Ruine des Klosters Walkenried verwendet wurden. Grundsteinlegung war am 15. Juli 1744, die Baumeister Johann Andreas Voigt aus Blankenburg, Johann Christian Eichler aus Nordhausen sowie der Stuckateur Johann Leonhard Schreiber leiteten die Geschicke. Kirchweihe war am 12. Oktober 1749. Das Kircheninnere war ein schlichter Saal, 30 Meter lang und 18 Meter breit.

Der Kanzelaltar stand vor der östlichen Empore, die Kanzel war achteckig, ihre Brüstung war mit Blumengebinden verziert. Den Schalldeckel bekrönten geschweifte Zierleisten. Abgeschlossen wurde der Kanzelaltar von einem Kruzifix mit Maria und Maria Magdalena. Den Altar mit einfachem Altartisch schuf 1749 der Bildhauer Johann Kaspar Unger.

Rechts vom Altar befanden sich lebensgroße Standbilder der Reformatoren Luther und Melanchthon aus dem Jahr 1905, erschaffen von Holzbildhauermeister Eugen Richter. Ein Kronleuchter mit zweimal zwölf Messing-Lichterarmen erleuchtete das Langhaus. Hölzerne Säulen trugen die Emporen. Eine Tafel gedachte der 134 im Ersten Weltkrieg gefallenen Gemeindeglieder.

Am 3. und 4. April 1945 wurde das Kirchenschiff bei den Luft-Angriffen britischer Bomber-Geschwader weitgehend zerstört. Von den Bombardierungen war das Umfeld der St. Jacobi-Kirche mit am stärksten betroffen: Das Innere des Gotteshauses war vollständig ausgebrannt, übrig blieben der ausgebrannte Kirchturm und Teile der Außenmauern. Die Reste des Kirchenschiffs wurden abgetragen, um 1950 Mauerreste abgerissen.

Noch 1952 hieß es in Nordhausens Stadtbebauungsplan: „Die erhaltenen historischen Gebäude werden im Stadtbild erhalten, besonders das alte Rathaus, der Dom und die St. Blasiikirche. Von der St. Jakobi-Kirche und der St. Petri-Kirche sind nur die Türme erhalten, die gestalterisch in die neue Bebauung einbezogen werden“.

Jedoch war diese Erklärung sieben Jahre später das Papier nicht wert, auf der sie stand: Die SED-geführte Stadtleitung von Nordhausen demonstrierte am 27. September 1959 um 8 Uhr autoritär ihre Macht: Sie ließ den verbliebenen Kirchturm sprengen, danach wurde das Gelände eingeebnet und sollte zum Parkplatz umgestaltet werden. Dort, wo früher die Kirche stand, ist nun größtenteils eine Grünfläche.

Bevor die Diakonie nahe der einstigen Kirche ein Seniorenheim zu errichten begann, gab es auf dem Baugelände von März bis Oktober 1999 archäologische Ausgrabungen. Dabei fand das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie vielerlei Spuren.

So das Fundament des Kirchturms, seine Grundfläche betrug 7,90 Meter mal 9,20 Meter, die Stärke der Grundmauern 2 Meter, im Sohlenbereich sogar 2,40 Meter. Als Baumaterial waren vor allem Dolomit-, Kalk-, Sand- und Anhydritsteine aus der Umgebung der Stadt verwendet worden.

Im einstigen Mittelschiff kam der Fußboden der Kirche aus dem Jahre 1749 zum Vorschein: rote Ziegelplatten, 24 cm lang, 24 cm breit und 3,5 cm stark und von Sandsteinplatten (20 cm x 40–50 cm) eingefasst.

Der östliche Teil der zerstörten Jakobi-Kirche mit dem Chorraum konnte nicht untersucht werden: Seit den 1950er Jahren verläuft die Rautenstraße über diese Fläche des einstigen Gotteshauses. Bei deren Bau gab es weder eine Boden-Dokumentation noch eine Fundanalyse.

Blick vom Primariusgraben auf das diakonische Pflegeheim St. Jakob Haus

Standort der ehemaligen St.-Jacobi-Kirche


Mehr als 600 Jahre war St. Jacobi die Stätte festlicher Begegnung für Generationen zum Gottesdienst sowie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Sie war vertrauter, heimatlicher Ort für Taufe und Konfirmation, für Trauung und Heimgang Hunderter Bürger von Nordhausen. Sie war der vereinende Raum für Freude, Zuversicht und Hoffnung, für Kummer, Trauer und Leid.

Dort, wo ganz in der Nähe die Kirche stand, bietet nun ein kirchliches Haus pflegebedürftigen Menschen ein Zuhause.

Koordinaten: 51° 29′ 56,5′′ N, 10° 47′ 36,5′′ O

Quellen und Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Jacobi_(Nordhausen)

https://kirchensprengung.de/kirchensprengung-andere

https://www.diakonie-nordhausen.de/st-jakob-haus.html

Umgenutzte Kirche in Grimma: Klosterkirche St. Augustin

Klosterkirche St. Augustin / Quelle: Holger Zürch

Kirchenbauwerke gehören in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Dutzende Kirchen werden heutzutage anders als ursprünglich genutzt, so auch in Grimma.

Die Klosterkirche St. Augustin zu Grimma ist ein mächtiges Bauwerk. Erbaut um 1435, ist sie bei einer Mauerstärke von fast eineinhalb Metern rund 54 Meter lang, 12 Meter breit und 19 Meter hoch. Das markante Bauwerk, in dem einst auch Martin Luther predigte, zählt im Ensemble mit dem benachbarten Gymnasium St. Augustin zu Grimmas bekanntesten Stadtansichten.

Die Klosterkirche wurde bis zur Reformation 1529 vom Orden der Augustiner-Eremiten genutzt und war anschließend mehr als 400 Jahre lang bis 1937 die Kirche der angrenzenden Fürsten- und Landesschule zu Grimma. Mit der Bodenreform 1945 wurde die Stadt Grimma Eigentümerin der Klosterkirche – eine extrem ungewöhnliche Situation: Ein Gotteshaus in kommunistischer Hand war ein zur DDR-Zeit verhängnisvoller Umstand, denn eine historische Kirche war das Letzte, was den SED-Ortsfürsten in ihr sozialistisches Stadtkonzept passte. Daher tat man erst einmal und dann auch weiterhin so gut wie gar nichts – und überließ das Bauwerk sich selbst und damit dem stillem Verfall. Sicherungs- und Sanierungs-Arbeiten blieben lange aus.

Zwar hatte in den 1950er und 1960er Jahren die evangelische Kirchgemeinde Grimma, die in der Frauenkirche zuhause ist, zu verschiedenen Anlässen die Klosterkirche genutzt. Dazu gab es einen Vertrag mit der Stadt: Ähnlich wie Wohnungsmieter hielten die Protestanten das Gotteshaus sauber, renovierten und besserten es aus. So etwa 1960, als nach der Renovierung das schmucke, helle Kircheninnere feierlich eingeweiht wurde. Auch trat mehrfach der Kreuzchor aus Dresden auf.

Die Orgel – erschaffen 1896 von der Orgelbau-Anstalt Emil Müller aus Werdau – wurde 1959 instand gesetzt. Doch 30 Jahre später waren sowohl die Orgel als auch das Inventar der Kirche verschwunden: Als 1975 die kirchliche Nutzung endete, war der Sakralbau so gut wie nicht vor Einbruch und Diebstahl gesichert. Und so landeten die hochwertigen Orgelpfeifen – begünstigt vom Wegschauen der Behörden in Grimma und der Volkspolizei – vermutlich beim DDR-Schrotthandel.

Immerhin: 1979 wurden für 120.000 DDR-Mark der Dachreiter saniert und eine neue Wetterfahne aufgesetzt. Doch gegen das seit langem bekannte Hauptproblem, den Hausschwamm unter dem Dach, wurde nichts unternommen – und so stürzte im Sommer 1989 das morsch gewordene Dach-Gebälk an der Westseite in das Kirchenschiff. Vor Weihnachten wurden die Dach-Überreste abgebaut, das verschwammte Holz verbrannt. Von da an war das Gotteshaus Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert.

Anfang der 1990er Jahre gab es in Grimma eifrige Diskussionen zu Wiederaufbau und Umnutzung der Klosterkirche, es kursierten abenteuerliche Ideen. 1992 wurden eine Stahlbinder-Dachkonstruktion montiert (wer heute die Kirche betritt und nach oben blickt, wähnt sich in einer Industriehalle …) und der Fußboden erneuert. 1993 erhielt das 1.670 Quadratmeter große Dach neue Krempziegel, die Wände verblieben in schlichter Kahl- und Kargheit. Die Barockkanzel der Klosterkirche gelangte in die Sankt-Katharinen-Kirche in Annaberg-Buchholz, die Altar-Platte aus dem Jahr 1686 in die Kirche zu Trebsen.

Seit 1993 hängt die Augustiner-Glocke von 1491 wieder im Dachreiter der Klosterkirche und kann elektrisch geläutet werden. Dies geschah erstmals offiziell – kein Witz! – 22 Jahre später im Jahr 2015 bei Grimmas Festival der Reformation, nach 63 Jahren Läute-Pause.

Nach jahrzehntelangem Leerstand und Verfall, baupolizeilicher Sperrung und Dach-Einsturz 1989 wurde die Klosterkirche in den 1990er Jahren wieder nutzbar gemacht – mit den Schwerpunkten Kunst, Kultur und Musik. Sie ist nunmehr Konzerthalle und Veranstaltungsstätte in Grimmas Altstadt. Seit 2016 dient der Sakralbau auch als Kulisse für profanen Handel: Von Frühjahr bis Herbst finden Frischemärkte statt. Seit 2017 ist dort die Konzertreihe MDR Musiksommer zu Gast und alljährlich Grimmas Martinimarkt.

Einziger Schmuck, der an die mehr als 400jährige Nutzung als Gotteshaus erinnert, sind seit dem Jahr 1996 die beiden historischen Glasmosaik-Bildnisse von Martin Luther und Philipp Melanchthon im mittleren Kirchenfenster auf der Mulde-Seite. Diese Fenster hatte Pfarrer Helmut Berthold, einst Schüler der Fürstenschule nebenan, Anfang der 1990er Jahre der Stadtverwaltung Grimma für die Klosterkirche übergeben.

Blick in die Klosterkirche (2013), genutzt als Konzert-, Veranstaltungs- und Ausstellungs-Ort

Das MDR Musiksommer-Konzert am 7. Juli 2017 in der Klosterkirche Grimma


2017 wurde der nicht entwidmete Sakralbau als Stätte des Glaubens kurzzeitig wiederbelebt: Die Teilnehmer einer Kirchenkonferenz, die nebenan im Gymnasium tagten, nutzten ihn zum Gottesdienst. De iure ist das Bauwerk trotz seiner profanen Nutzung nach wie vor eine Kirche.

Koordinaten: 51° 14′ 6,5′′ N, 12° 43′ 49,6′′ O

Quellen und Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Klosterkirche_Grimma

https://www.sachsen-tourismus.de/service/points-of-interest/details/poi/klosterkirche-grimma-grimma/

https://www.leipzig.travel/de/region/kultur/poi-detailseite-region-kultur/poi/infos/klosterkirche-st-augustin-grimma/

https://www.grimma.de/info/poi/klosterkirche-900010829-27290.html

Verlorene Kirche in Leipzig: Markuskirche Reudnitz

Die Markuskirche zu Reudnitz um 1900

Reudnitz, ein Stadtteil im Osten von Leipzig, bis 1888 eigenständige Gemeinde. Wie viele sächsische Gemeinden damals mit ordentlicher Portion Selbstbewusstsein, wie die stolze Orts-Kirche mit ihrem 67 Meter aufragenden Kirchturm zeigt.

Wer heutzutage durch Reudnitz streift, hält vergeblich nach einer Kirche Ausschau. Nichts erinnert daran, dass es dort einmal ein beeindruckendes Gotteshaus gegeben hat. Es ist aus dem Ortsbild verschwunden – vor mehr als vierzig Jahren. Und offenbar auch aus der öffentlichen Erinnerung.

Die Markuskirche zu Reudnitz war ein evangelisch-lutherischer Sakralbau, sie wurde 1884 nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel (1838–1915) im Stil der Neugotik errichtet. 94 Jahre später, im Jahr 1978, wurde sie gesprengt – wegen nicht verhinderter Baufälligkeit.

Sie stand auf dem Grundstück Dresdner Straße 61, wo mehr als 300 Jahre lang ein Friedhof mit einer kleinen Kapelle war.

Die aus gelbem Backsteinen errichtete Kirche war knapp 37 Meter lang und fast 29 Meter breit – also entsprechend der Platzvorgabe relativ klein. Dafür war die Turmhöhe im wörtlichen Sinne herausragend: der markante, städtebaulich dominante Kirchturm war 67 Meter hoch.

Das Kirchengebäude erstreckte sich von Süd nach Nord und lag quer zur Straße, Kirchturm und Haupteingang befanden sich an der Dresdner Straße. Nachdem die Kirchgemeinde am 1. Januar 1880 selbstständig geworden war, beauftragte sie den Architekten Gotthilf Ludwig Möckel aus Dresden mit der Projektierung ihres Kirchenneubaus. Der entwarf Gebäude samt Ausstattung, Ausmalung sowie Kirchengerät und fand damit Zustimmung.

Die Grundsteinlegung für den insgesamt 298.000 Gold-Mark teuren Bau erfolgte am 11. Mai 1882, bereits sieben Monate später war das Richtfest. Am 23. März 1884 wurde die Kirche eingeweiht, sie hieß seit 1889 „St. Markuskirche“. 1903 gestaltete Möckel sie innen farblich neu.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Markuskirche beim britischen Luftangriff auf Leipzig in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 Schäden: Druckwellen von Luftminen zerstörten zahlreiche ihrer Fenster. Doch anders als etwa die Johanniskirche, die Matthäikirche und die Trinitatiskirche in Leipzig konnte das Gotteshaus weiter genutzt werden. 1953 wurde das Kirchen-Innere umfassend erneuert, 1954 eine neue Orgel gebaut und 1957 neue Glocken geweiht.

Die Kirche diente Generationen regelmäßig zum Gottesdienst sowie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten als Stätte festlicher Begegnung. Sie war vertrauter, heimatlicher Ort für Taufe und Konfirmation, für Trauung und Heimgang Hunderter Bürger von Reudnitz. Sie war Stätte für gemeinsame Hoffnung, Zuversicht, Freude und Leid.

Jedoch: Wegen Geld- und Material-Not in der DDR blieben in den 1950er und 1960er Jahren dringend erforderliche Bau-Erhaltungs-Arbeiten aus. Der bauliche Zustand der Markuskirche zu Reudnitz verschlechterte sich von Jahr zu Jahr.

Zwar hatte damals die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, zu der der Sakralbau gehörte, über die General-Reparatur beraten. Doch diese wurde – wohl wegen des damals als unverhältnismäßig hoch empfundenen Kostenaufwands – abgelehnt. So verfügte man schließlich 1973 das Ende des Kirchenbauwerks.

Der letzte Gottesdienst der Markus-Kirchgemeinde in ihrer Markuskirche fand am 4. November 1973 statt. 1974 wurden Kunstgut und Inventar aus dem Kirchgebäude gebracht, am 28. Februar 1978 der Grundstein der Kirche gehoben. Am 25. Februar 1978, fast viereinhalb Jahre nach ihrer letzten Nutzung, wurde das Kirchenschiff gesprengt, am 4. März 1978 der Kirchturm. Amateurfilm-Aufnahmen davon – damals wohl eher klammheimlich gedreht – sind heute bei Youtube zu sehen.

Die Trümmer der Kirche kamen nach Leipzig-Probstheida in den Park an der Etzoldschen Sandgrube – zehn Jahre zuvor waren dorthin die Reste der gesprengten Universitätskirche Leipzig gebracht worden. 1984 wurde im Markus-Pfarrhaus ein Saal zur Markuskapelle gestaltet.

Möckels Kirchen-Entwurf von 1881

Blick in die Markuskirche zu Reudnitz, Aufnahme um 1900


Die Markus-Kirchgemeinde ist bis heute ohne eigenes Kirchengebäude geblieben. Dort, wo an der Dresdner Straße 61 fast hundert Jahre die Kirche stand, ist heutzutage eine achtlos-ungepflegte Grünfläche als Warteplatz an der Straßenbahn-Haltestelle.

Reudnitz hat 1978 mit der Sprengung seiner Kirche mehr als nur sein architektonisch überragendes Wahrzeichen verloren.

Koordinaten: 51° 20′ 19,8″ N, 12° 24′ 13,2″ O

Bildquelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Sammlung Leipziger Vororte Rd. 26, abgebildet in: Heinrich Magirius/Hanna-Lore Fiedler: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Sachsen. Stadt Leipzig. Die Sakralbauten. Deutscher Kunstverlag, München 1995

Quellen und Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_Reudnitz

https://dreifaltigkeitskirchgemeinde-leipzig.de/gemeinde/geschichte/

Video von der Sprengung der Markuskirche 1978: https://www.youtube.com/watch?v=TyLnGZuuz8I